Buch-Tipp: „Just Kids“ von Patti Smith

Just Kids – Die Geschichte einer Freundschaft von Patti Smith (Deutsche Ausgabe, Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2010)
In diesem Buch geht es weniger um Musik, als um die Geschichte einer ganz besonderen Liebe und immer währenden Freundschaft: nämlich um die zwischen Patti Smith und Robert Mapplethorpe.
Patti Smith, die Poetin, Musikerin und Ikone des Punk schreibt über ihre Herkunft, ihre Kindheit und vor allem über ihre künstlerischen Anfänge und den Durchbruch in New York. Mittellos, aber mit dem Willen, sich einen Namen zu machen, zog Patti Smith in den Big Apple, wo sie das Schicksal auf Robert Mapplethorpe, einen damals ebenso mittellosen aber ambitionierten jungen Künstler treffen ließ. Die beiden gingen eine symbiotische Beziehung ein, wohnten zusammen, wurden ein Liebespaar, bis sich Robert Mapplethorpe zunehmend dem männlichen Geschlecht zuwandte. Diese Tatsache und auch zahlreiche Liebhaber Smiths hinderten die beiden jedoch nicht, die wichtigste Bezugsperson im Leben des jeweils anderen zu sein. Beide akzeptierten sich, so wie sie waren. Sie ermutigten sich, neue Wege in der Kunst zu bestreiten.
Scheinbar nebenbei schreibt Patti Smith in „Just Kids“ über die wilden 60er und 70er Jahre in New York, als sich diverse Künstler im Hotel Chelsea, in dem auch Smith und Mapplethorpe eine zeitlang wohnten, die Klinke in die Hand gaben. In einer Zeit, in der Warhols Factory groß war, jeder seine mindestens 15 Minutes of Fame hatte. Berührend sind auch Smiths Begegnungen mit den beiden viel zu jung verstorbenen Künstlern Jimi Hendrix und Janis Joplin.
Als in den 80ern die AIDS-Epidemie um sich greift, war Patti Smith zwar schon mit ihrem Ehemann nach Michigan gezogen. Doch der Kontakt zu Robert Mapplethorpe, der ebenfalls mit dieser schweren Krankheit infiziert wurde, riss niemals ab. Und so besuchte Smith ihn regelmäßig bis zu seinem Tod, der sie bis ins Mark erschütterte und auch das Ende dieses Buches bedeutet.

Fazit: Die Kunst der beiden, war ihr gemeinsames Kind. Ohne einander, wäre Patti Smith niemals zu der Poetin und Punk-Ikone geworden und Robert Mapplethorpe niemals zu diesem außergewöhnlichen Künstler und Photographen.

Bildnachweis: Cover der englischen Ausgabe: Paperback – Deckle Edge, November 2, 2010

Buch-Tipp: „Er war eine Frau“

Er war eine Frau – Das Doppelleben des Jazzmusikers Billy Tipton  von Diane W. Middlebrook (Deutsche Ausgabe, Pieper Verlag, München 1999)
 
Dieses Buch von Diane W. Middlebrook auf diesem Blog zu präsentieren, ist eigentlich doppelt unpassend.  Erstens heißt mein Blog ja CHICKS`n`Rock und der Jazzmusiker Billy Tipton hat während seinem musikalischen Schaffen  versteckt, dass er eine Frau ist, und zweitens konnte das Kind der goldenen Jazz-Jahre mit dem aufkommenden Rock nichts anfangen.
Warum ich dieses Buch aber trotzdem hier beschreibe, ist, dass es mich fasziniert hat, wie eine Frau es schafft, über Jahrzehnte hinweg, ihr Umfeld (bis auf wenige Ausnahmen) über ihr angeborenes Geschlecht hinwegzutäuschen und sich als Mann ihre Träume von einer Karriere im Musik-Business zu erfüllen.  Allem zugrunde lag natürlich auch die Erkenntnis, dass es für Musikerinnen im Jazz der 30er Jahre nahezu keinen Platz gab. Interessant ist vor allem die stufenweise Wandlung der jungen Frau Dorothy Tipton hin zu einer Frau in Männerkleidern, die von ihrem Umfeld meistens so akzeptiert wird, bis zum Berufsmusiker, Ehemann und Adoptiv-Familienvater Billy Tipton. Diane W. Middlebrook zeichnet aber neben der Biographie von Dorothy bzw. Billy Tipton ein Bild von der amerikanischen Gesellschaft  und ihrer teilweisen Naivität und Diskretion. Darüber hinaus gibt das Buch einen guten Einblick in das Showbusiness und in das Leben der MusikerInnen, EntertainerInnen und Variete-KünstlerInnen.
Berührend und authentisch geschrieben vor allem durch die vielen Zitate von Familienmitgliedern, Freunden und KollegInnen ist „Er war eine Frau“ ein warmherziges Buch, das viel über die Relativität des biologischen Geschlechts verrät.